Vor allem der Ausbau der Kinderbetreuung und das Elterngeld stärken Frauen nachweislich wirksam in ihrer Erwerbstätigkeit. Es gibt jedoch auch entgegenwirkende gesetzliche Maßnahmen und Leistungen. Zudem wenden Frauen noch immer deutlich mehr Stunden für Familie, Pflege und Haushalt auf als Männer - der Gender Care Gap beträgt 43,4 Prozent. Infolgedessen sind Chancen im Beruf und für die wirtschaftliche Eigenständigkeit noch ungleich verteilt: Jede zweite abhängig beschäftigte Frau in Deutschland arbeitet in Teilzeit und Frauen erwirtschaften im Lebensverlauf nur gut halb so viel Erwerbseinkommen wie (statistisch vergleichbare) Männer.
Große Bedeutung wirtschaftlicher Eigenständigkeit
Eine substanzielle Erwerbstätigkeit in möglichst langen Lebensphasen ist der Schlüssel zu einer nachhaltigen wirtschaftlichen Eigenständigkeit. Eine aktuelle Studie des Sinus-Instituts zeigt: Für die große Mehrheit der Bevölkerung (92 Prozent) ist es wichtig oder sehr wichtig, wirtschaftlich eigenständig zu sein. Dabei stimmen Frauen (93 Prozent) wie Männer (87 Prozent) überein, dass die wirtschaftliche Eigenständigkeit von Frauen genauso wichtig ist wie die der Männer. Wir sehen aber auch: Fast der Hälfte der Befragten (46 Prozent) gelingt die Eigenständigkeit nicht wie gewünscht. Und es gibt einen hohen Bedarf an Orientierungswissen darüber, welche Wirkungen Entscheidungen in unterschiedlichen Lebensstationen auf die eigene Eigenständigkeit haben. Dies ist ein zentrales Ergebnis des partizipativen Projekts "Wirtschaftliche Eigenständigkeit im Laufe des Lebens" des Bundesgleichstellungsministeriums mit dem Center for Responsible Research and Innovation (CeRRI) des Fraunhofer IAO.
Digitale Lebenskarte unterstützt Wege zur wirtschaftlichen Eigenständigkeit
Im Austausch mit Bürgerinnen und Bürgern und Expertinnen und Experten ist 2024 die digitale "Lebenskarte Eigenständigkeit - zum Vorausschauen und Nachrechnen" entwickelt worden. Sie unterstützt Frauen wie Männer, in den entscheidenden Lebensstationen ihren Weg zur wirtschaftlichen Eigenständigkeit zu finden - wie etwa bei der Berufswahl, der Eheschließung, Familiengründung, Trennung oder in der Altersvorsorge. Gebündelte Informationen und Online-Rechner staatlicher Institutionen unterstützen Menschen bei Entscheidungen, um das eigene Einkommen, die finanzielle Absicherung und Altersvorsorge dauerhaft zu verbessern und ermutigen, auch neue Entscheidungen zu treffen, wenn es darauf ankommt. Alle Ergebnisse des Projekts und interessante Studienergebnisse finden sich auf der Website "Wirtschaftliche Eigenständigkeit im Laufe des Lebens".
Die Lebenskarte als bürgernahes Serviceangebot zur Vermittlung von ökonomischen Orientierungswissen für die Zielgruppe junger Erwachsener weiterzuentwickeln ist Ziel der aktuellen Legislaturperiode. Erkenntnisse aus dem Aktionsprogramm "Gleichstellung am Arbeitsmarkt. Perspektiven schaffen" (GAPS), das von 2022 bis 2025 mit verschiedenen Maßnahmen dazu beigetragen hat, die Gleichstellung von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt zu fördern, werden dabei aufgegriffen.
Frauen wie Männern darin zu unterstützen, wirtschaftlich eigenständig zu sein, ist damit zum Kernziel der Politik der Bundesregierung für die ökonomische Gleichstellung geworden (Jahreswirtschaftsbericht 2024, S. 134; 7. Armuts- und Reichtumsbericht, S. 213). Auch die Kommission für den Zehnten Familienbericht empfiehlt die Förderung der wirtschaftlichen Eigenständigkeit von Müttern wie Vätern als ein zentrales Ziel einer zukunftsorientierten Familienpolitik.
Erwerbstätigkeit und Partnerschaftlichkeit gehören zusammen
Die partnerschaftliche Aufteilung von Aufgaben in der Familie, wie Kinderbetreuung oder Pflege, ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Frauen und Männer ihre wirtschaftliche Eigenständigkeit sichern. Dafür braucht es Rahmenbedingungen, die beiden Elternteilen oder pflegenden Angehörigen eine vollzeitnahe Erwerbstätigkeit auch in Phasen der Kinderbetreuung oder Pflege erleichtern.
Ein Leistungssystem, das partnerschaftliche Arbeitsteilung und lohnende Erwerbstätigkeit für Frauen und Männer ermöglicht und sie in ihrer wirtschaftlichen Eigenständigkeit stärkt, trägt dadurch auch zu Wohlstand und einer resilienten Gesellschaft bei. Dies belegen zwei aktuelle Studien im Auftrag des Bundesgleichstellungsministeriums, die die volkswirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Potentiale der wirtschaftlichen Gleichstellung von Frauen und Männern beschreiben und konkret beziffern:
- Prof. Tom Krebs, Ph.D.: "Gesamtwirtschaftliche und fiskalische Auswirkungen verbesserter Rahmenbedingungen zur Gleichstellung der Frauen"
- Dr. Dagmar Weßler-Poßberg, Dr. Claire Samtleben, Evelyn Stoll (Prognos AG): "Frauenerwerbstätigkeit und ökonomische Gleichstellung: volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Dimensionen"
Eine weitere vom Bundesgleichstellungsministerium geförderte kürzlich veröffentlichte Studie zeigt, dass wirtschaftliche Eigenständigkeit untrennbar verbunden ist mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie dem Zugang zu guten Bildungsangeboten:
Strategierahmen für die ökonomische Gleichstellung 2030
Im "Strategierahmen für die ökonomische Gleichstellung 2030", der die erste Gleichstellungsstrategie der Bundesregierung weiterentwickelt, formulieren namhafte Autorinnen und Autoren grundlegende Erkenntnisse für eine zukünftige Politik für die wirtschaftliche Gleichstellung der Zukunft. Der Strategierahmen zeigt, dass weitere Anpassungen der Rahmenbedingungen zugunsten der wirtschaftlichen Eigenständigkeit, insbesondere von Frauen, notwendig sind. Dazu zählen Investitionen in die Bildungs-, Betreuungs- und Pflegeinfrastruktur, die Stärkung der substanziellen Erwerbstätigkeit bei gleichberechtigter Aufteilung von Betreuungs- und Pflegeaufgaben sowie Reformen im Steuer-, Sozial- und Transfersystem.
Gesellschaftliches Engagement für mehr wirtschaftliche Eigenständigkeit
Viele Verbände und Organisationen setzen sich bereits für mehr wirtschaftliche Eigenständigkeit und eine gleichberechtigte Verteilung von Betreuungs- und Pflegeaufgaben ein. Das Bundesgleichstellungsministerium fördert seit 2020 die Koordinierungsstelle des Bündnisses "Sorgearbeit fair teilen" von 33 Organisationen aus Kirchen, Gewerkschaften, Frauen-, Männer-, Familien- und Sozialverbänden, Selbsthilfeinitiativen und Stiftungen. Dabei rücken sie das Thema "Wirtschaftliche Eigenständigkeit" in seinem Zusammenhang mit einer partnerschaftlichen Aufgabenteilung in den Fokus.
Das vom Bundesgleichstellungsministerium geförderte Projekt "Was verdient die Frau? Mehr Geld, Zeit und Respekt!" des Deutschen Gewerkschaftsbundes setzt die wirtschaftliche Eigenständigkeit von Frauen auf die betriebliche Agenda. Mit reichweitenstarken Social Media-Beiträgen, digitalen Werkzeugkästen und einem Netzwerk sensibilisiert das Projekt junge Frauen für die Bedeutung der Erwerbsbiografie für die wirtschaftliche Eigenständigkeit in den Betrieben.