Es gilt das gesprochene Wort.
Vor wenigen Wochen, am 9. November 2025, habe ich in der Portugiesischen Synagoge Amsterdam im Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht gesprochen. Gemeinsam unter anderem mit der Schriftstellerin Jessica Durlacher. Sie sagt zur Lage nach den grauenhaften Ereignissen des 7. Oktober 2023 - ich zitiere:
"Das Tabu gegen den Hass, nach dem Holocaust aus Höflichkeit aufgestellt, hat sich als zerbrechliches Gewebe erwiesen. Und jetzt ist es zerrissen. Das Biest ist zurück."
Und der Abgeordnete des Europäischen Parlaments, Sergey Lagodinsky, fand hier in seiner Heidelberger Rede im vergangenen Frühsommer ernüchternde Worte. Zitat: "Die Erinnerungsrepublik Deutschland ist zu Ende." Viele Deutsche würden die NS-Zeit nicht mehr im Zusammenhang mit ihrer eigenen Verantwortung für die Geschichte empfinden, sagt er. Für Lagodinsky eine allmähliche Entwicklung, die sich durch die Folgen des 7. Oktober noch verstärkt und beschleunigt.
Beide Aussagen treffen mich aus zweierlei Gründen ins Herz. Zum einen bin ich Nachfahrin großer jüdischer Familien, die ermordet und vertrieben wurden.
Das Gefühl der Entwurzelung, der Unsicherheit, der Sorge vor Diskriminierung, vor einer Entsolidarisierung gegenüber Jüdinnen und Juden: Das ist ein tiefsitzender Teil meiner Familiengeschichte und Identität.
Zum anderen beobachte ich als Bildungsministerin und Teil der viel gescholtenen Boomer-Generation die Entwicklungen in Deutschland: Wie antisemitische Deutungsmuster vielerorts normalisiert werden. Wie Jüdinnen und Juden sich weiter nicht sicher fühlen, oft noch weniger als vor ein paar Jahren.
Und da muss ich mich und meine Generation kritisch fragen: Was haben wir falsch gemacht? Was können und müssen wir besser machen?
Schulische Bildung hier als Allheilmittel zu sehen, würde die Institutionen überfordern. Aber - und denken Sie sich dieses "aber" in Großbuchstaben: Bildung - schulisch und außerschulisch - kann entscheidende Weichen stellen: Wenn wir dafür sorgen, dass unsere Bildungseinrichtungen dafür auch die Möglichkeiten haben. Und wenn wir ein ganzheitliches Bildungsverständnis an den Tag legen, das alle mit einbezieht.
Bildung ist viel mehr als Wissensvermittlung, das wissen Sie und ich. Wir verlassen uns darauf, dass unsere Kinder in Bildungseinrichtungen zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern erzogen werden. Dass sie lernen, kritisch zu denken. Dass sie sich persönlich entfalten können. Und dass sie lernen, empathisch zu sein und sich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen, friedlich und respektvoll.
Was wir unter einer guten Bildung verstehen, ist aber immer auch Ausdruck dessen, was eine Gesellschaft für bewahrenswert hält, und was sie zu schützen bereit ist.
In Deutschland stand das lange außer Frage. Nach den entsetzlichen Verbrechen im nationalsozialistischen Deutschland, nach dem Menschheitsverbrechen der Shoah, war es Jahrzehnte lang feste Gewissheit: Jüdisches Leben muss geschützt werden, ein solches Verbrechen darf sich nie wiederholen. "Nie wieder!"
Um dieses Schutzversprechen einzulösen, galt Bildung als ein zentraler Schlüssel. Und Bildung hat, so empfinde ich es, dieses Versprechen auch in Teilen eingelöst.
Doch der 7. Oktober 2023 und seine Folgen haben diese Gewissheit erschüttert. Ebenso das Vertrauen in den Erfolg von Bildungsarbeit gegen Antisemitismus.
Die Welle der Gewalt gegen Jüdinnen und Juden weltweit, die Rechtfertigungen von antisemitischen Übergriffen, die Relativierungen und vor allem die Sprachlosigkeit: Sie haben mehr als deutlich gemacht, wie schnell demokratische Grundwerte ins Wanken geraten: Werte wie die unantastbare Würde des Menschen, wie das klare Ächten von Hass und Willkür gegen Gruppen.
Seit dem 7. Oktober 2023 erleben wir es deutlich häufiger, dass antisemitische Deutungsmuster normalisiert werden, auch in Bildungseinrichtungen. Viele jüdische Kinder, Jugendliche und Studierende berichten seitdem, dass sie vorsichtig geworden sind. In der Schule, auf dem Campus.
Und damit an Orten, an denen eigentlich dazu beigetragen werden soll, das Schutzversprechen des "Nie wieder!" einzulösen.
Mehr noch: In der Gesellschaft, im Netz, ja auch und gerade an vielen Schulen und Universitäten werden Antisemitismus, aber auch Rechtsextremismus, autokratische und antidemokratische Tendenzen (von rechts, links und aus migrantischen Milieus) wieder gesellschaftsfähig.
Das alles geschieht in einer Welt der Unsicherheiten. Vieles, was vor kurzer Zeit kaum vorstellbar war, ist geschehen und geschieht. Gewissheiten lösen sich auf. Es ist für alle schwer, jung und alt, sich darauf einzustellen. Aber wir müssen es. Und wir können das.
Und ja, Bildung spielt hier weiter die zentrale Rolle. Sie ist ein zentraler Faktor dafür, dass junge Menschen lernen, in einer demokratischen Gesellschaft friedlich zusammenzuleben. Dass sie urteilsfähig sind und in die Lage versetzt werden, verantwortlich zu handeln.
Jede Bildungsinstitution - von der Kita bis zur Schule und zur Universität - trägt eine Verantwortung für unser gesellschaftliches Miteinander. Sie alle haben aber auch die große Chance, dieses Zusammenleben aktiv und positiv mitzugestalten.
Es geht darum, 80 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz junge Menschen zu erreichen, die keine Großeltern mehr haben, die als Täter oder Opfer Zeitzeugen des Geschehens waren. Ihre Empathie zu wecken und ihnen zu vermitteln, was historische Verantwortung heute bedeutet.
Es geht darum, zu vermitteln: Die Vernichtung europäischer Jüdinnen und Juden kam nicht aus dem Nichts.
Antisemitismus war schon lange gesellschaftsfähig. Er ist es in Teilen wieder. Er ist damit alles andere als ein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte. Das spüren wir schmerzlich. Antisemitismus ist hartnäckig. Und er erlebt in gesellschaftlichen Krisenzeiten seinen Aufschwung, in
Deutschland, Europa und weltweit. Er entfaltet dabei eine zerstörerische Kraft, die ausgrenzt, verletzt, entmenschlicht und: tötet, wie wir zuletzt bei den Chanukka-Feierlichkeiten zum Jahresende in Australien miterleben mussten, wo friedlich feiernde, arglose Jüdinnen und Juden, alt und jung, Opfer blinden antisemitischen Hasses wurden.
Sehr geehrte Damen und Herren,
vor diesem Hintergrund ist Bildungsarbeit gegen Antisemitismus ganz ohne Frage kein "Zusatzauftrag". Keine thematische Einheit im Schulunterricht, die man "auch noch" behandeln muss, kein "nice to have". Sich mit Antisemitismus in all seinen Ausprägungen zu befassen, historisch wie gegenwärtig:
Das ist unverzichtbarer Bestandteil einer funktionierenden Demokratiebildung. Und zwar sowohl in der Schule als auch in außerschulischen Kontexten, etwa im Sportverein.
Antisemitismuskritische Bildungsarbeit verortet Antisemitismus nicht ausschließlich historisch, sondern erkennt ihn als Gegenwartserfahrung an. Ich sehe diese Bildungsarbeit als ein Zusammenspiel von Wissen, Selbstreflexion und Empathiefähigkeit. So lernen junge Menschen eine Haltung, die sich gegen Hass und Diskriminierung positioniert und damit unsere Demokratie insgesamt resilienter macht.
Der 7. Oktober 2023 und seine Folgen sind nicht Ausgangspunkt unseres pädagogischen Auftrags. Aber der Horror dieses Tages hat dessen Dringlichkeit noch einmal schmerzhaft verdeutlicht. Er hat uns gezeigt, wie rasch Feindbilder mobilisiert und demokratische Grundsätze in Frage gestellt werden. Ich denke dabei immer wieder an das berühmte Zitat Hannah Arendts:
"Vor Antisemitismus aber ist man nur noch auf dem Monde sicher."
Lehrerinnen und Lehrer, pädagogische Fachkräfte, Hochschulen und Jugendeinrichtungen müssen in einer solchen Situation weit mehr tun, als Wissen zu vermitteln: Sie müssen Schutz gewährleisten, Orientierung ermöglichen und Konfliktfähigkeit lehren.
Kurz nach dem 7. Oktober habe ich als damalige Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Schleswig-Holstein den Schulen einen Brief geschrieben und gebeten, dass sie das Thema im Schulunterricht behandeln. In der Folge hat das Ministerium schnell Unterrichtsmaterial und Fortbildungsangebote auf einer digitalen Plattform zur Verfügung gestellt.
Es war gut, dass wir hier flexibel reagieren und Lehrkräften so auch etwas Sicherheit vermitteln konnten.
Denn es darf nicht passieren, was Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, in einem Podcast berichtete: Dass Lehrkräfte nach dem 7. Oktober selbstverständlich in ihren Klassen über den Hamas-Angriff reden wollten, aber die Schulleitung das untersagte. Man wolle "den Schulfrieden nicht gefährden".
Ich muss hier wohl nicht erklären, dass aus meiner Sicht so auf jeden Fall der Schulfrieden auf dem Schulhof gefährdet wird. Und die Sicherheit mancher Schülerinnen und Schüler gleich mit, von der Konfliktscheu dieser Schulleitungen ganz zu schweigen.
Diese Anekdote zeigt aber auch: Was für ein gesellschaftlicher Sprengstoff im Umgang mit dem Nahostkonflikt an Schulen steckt, ist den Schulen sehr bewusst. Aber es fehlt offenbar an solidem Grundwissen, Haltung, Strategien.
Ja, der Umgang mit Antisemitismus ist heute eine, wenn nicht die pädagogische Herausforderung an vielen Schulen und Bildungsinstitutionen. Antisemitismus ist enorm anpassungsfähig, er ist wandelbar und tritt zudem in unterschiedlichen Formen auf: rassistisch, religiös, israelbezogen, verschwörungsideologisch, in Form von Holocaustleugnung oder -verzerrung.
Er kann sich offen zeigen oder auch mit wechselnden Codes, online und offline, an den extremen Rändern der Gesellschaft und genauso in ihrer Mitte.
Die Psychologin und Antisemitismusforscherin Marina Chernivsky spricht deshalb von "Mehrfachverortungen", die die pädagogische Arbeit komplex machen: Gerade weil es keinen einheitlichen Ausdruck des Feindbildes gibt.
In Schulen begegnet uns Antisemitismus als Provokation, als gruppenbezogene Abwertung, als beiläufiger Kommentar. Er ist nicht immer Ausdruck einer festen ideologischen Überzeugung. Oft ist er vielmehr Resultat mangelnder historischer und politischer Bildung, fehlender Empathie. Und doch spiegelt sich in jeder Variante, wie tief antisemitische Denkmuster gesellschaftlich verwurzelt sind, wie abrufbar und in vielen Bereichen anschlussfähig sie geblieben sind.
Viele weitere Dynamiken spielen noch mit hinein und fordern die schulische, aber auch die außerschulische Bildungs- und Jugendarbeit heraus: Allen voran der digitale Bereich, in dem antisemitische Verschwörungserzählungen zirkulieren. Ebenso natürlich allgegenwärtige transnationale Konflikte, die im Klassenzimmer, in Hörsälen und Jugendeinrichtungen verhandelt werden - oder eben gerade nicht. Und auch emotionale Mobilisierungen: die Ausnutzung von Ängsten, Ressentiments, Neid, fanatischer Hass und vieles mehr, dem sich Jugendliche - und viele Erwachsene - offenbar nicht entziehen können, die sie aber zugleich überfordern.
Wir brauchen also eine antisemitismuskritische Bildungsarbeit, die all diese Dimensionen erkennt, die Komplexität aushält und unterschiedliche Perspektiven berücksichtigt. Alles andere als eine leichte Aufgabe. Aber ich möchte das Thema auf für mich zentrale Bestandteile herunterbrechen:
- Wissensvermittlung
- Haltung
- Emotionen und das Entwickeln von Empathie
- Konfliktfähigkeit
- (Digitale) Medienkompetenz
- Und: Eine moderne, lebendige Sicht auf jüdisches Leben in Deutschland
Ohne Wissen geht es nicht, daher steht dieser Bereich für mich an erster Stelle.
Schülerinnen und Schüler müssen die Geschichte des Antisemitismus kennen: Von der religiösen Judenfeindschaft über Verschwörungsdenken, den modernen rassistischen Antisemitismus bis zum holocaustbezogenen Antisemitismus, sowie dem derzeit grassierenden israelbezogenen Antisemitismus. Schülerinnen und Schüler müssen verstehen, wie sich Feindbilder formen, wie Ideologien funktionieren, wie Ausgrenzung politisch wirksam wird.
Ich spreche mich immer wieder für - gut vorbereitete! - Gedenkstättenbesuche aus. Wie Volkhard Knigge, der frühere Leiter der Gedenkstätte Buchenwald und Mittelbau-
Dora sagte: Gedenkstätten sind keine "antifaschistischen Durchlauferhitzer". Dem stimme ich zu. Aber wenn sie gut vor- und nachbereitet werden, wenn junge Menschen hier Vergangenheit wirklich lernen zu begreifen, hat so ein Besuch eine besondere und tiefe Wirkung.
Um Antisemitismus in all seinen Formen begreifbar zu machen, benötigen wir geschulte Lehrkräfte. Lehrkräfte, die dazu in der Lage sind, Wissen zu vermitteln, ohne Stereotypisierungen fortzuschreiben. Lehrkräfte, die auch bereit sind, ihre eigenen gegebenenfalls vorhandenen antisemitischen Denkmuster zu reflektieren.
Antisemitismuskritische Bildung ist deshalb auch professionelle Bildung. Sie gibt pädagogischen Fachkräften Werkzeuge an die Hand und schafft Handlungssicherheit.
Lehrkräfte müssen auch fundierter über die Geschichte des Nahen Ostens Bescheid wissen, über Ausgrenzung und Verfolgung. Das ist die sicherste Grundlage, um bei Diskussionen mit der Schülerschaft nicht für die eine oder andere Seite in Haftung genommen zu werden, sondern Diskussionen wirklich auszuhalten, kritisch zu führen und resilient zu sein. Und um auf eine veränderte Schülerschaft einzugehen können, auf zugewanderte Schülerinnen und Schüler, die in ihrer Familiengeschichte keinen Bezug zur Zeit des Nationalsozialismus haben.
Das alles funktioniert aber nur, wenn es entsprechende Fort- und Weiterbildungen gibt, und wenn Lehrpläne die Befassung mit Antisemitismus auch konkret vorsehen. Das ist aber selbst in Fächern wie Geschichte, Politik und Religion nicht überall der Fall. Und natürlich brauchen wir mehr als eine pflichtbewusste Abhandlung.
Wir wissen, dass das geht: Der Zentralrat der Juden in Deutschland, die Kultusministerkonferenz und auch die Bund-Länder-Kommission der Antisemitismusbeauftragten haben erreicht, dass die Empfehlungen für die Lehrerbildung im Bereich der Antisemitismuskompetenz in die Studienpläne der Universitäten eingearbeitet wurden. Ähnlich könnten die Schulen nachziehen.
Und damit komme ich zum nächsten zentralen Punkt: nämlich Haltung!
Haltung entsteht durch Wissen, und sie entsteht durch Empathie, in dieser Kombination.
Lehrkräfte brauchen Haltung, und sie müssen Schülerinnen und Schülern beibringen, ihre eigene zu entwickeln.
Eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Lehrkräfte sind nicht neutral und dürfen es nicht sein. Sie sind Vertreterinnen und Vertreter des Verfassungsstaates. Artikel 1 Grundgesetz ist die zentrale Norm für jedes staatliche Handeln. Wenn ein Schüler oder eine Schülerin antisemitische Thesen äußern, wenn er oder sie extremistische, menschenverachtende Sprüche macht, dann müssen Lehrkräfte Position beziehen. Die Alternative für Deutschland (AfD) versteht den Beutelsbacher Konsens hier (wohl aus Prinzip) falsch: Es geht ja tatsächlich vielmehr darum, ihn auch wirklich einzuhalten. Keine Überwältigungspädagogik, sondern junge Menschen befähigen, sich selbständig ein Urteil zu bilden, indem Perspektiven beleuchtet und kontrovers diskutiert werden.
Wir müssen im Bildungsbereich Räume schaffen, in denen es möglich ist, sich mit Ambivalenzen auseinanderzusetzen, Perspektiven zu wechseln, zu differenzieren, die moralische Urteilsfähigkeit auszubilden. Und nicht, wie in Meron Mendels Anekdote: Verzicht auf schwierige Diskussionen aus Angst vor Konflikten.
Eine Haltung zu bilden, ist ein aktiver, ein reflektierter Prozess. Er hat auch zum Ziel, das Verständnis für demokratische Werte zu stärken und aktiv Antisemitismus, Rassismus und anderen Formen der Diskriminierung entgegenzutreten.
Damit beides fruchten kann - die Anwendung von Wissen und das Entwickeln einer Haltung - braucht es einen dritten Aspekt, der bei der antisemitismuskritischen Bildung noch nicht oft beleuchtet wird: Die Auseinandersetzung mit Emotionen.
Denn gerade Antisemitismus ist stark von Emotionen geprägt, zum Beispiel Angst, Wut, Neid oder Schuldabwehr.
Und gerade in Bildungsprozessen zum Thema kommt es immer wieder zu Abwehrreaktionen: bei Schülerinnen und Schülern, aber auch bei pädagogischen Fachkräften und Eltern.
Bildungsarbeit muss das erkennen, muss Raum lassen für die Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen und denen anderer, um Empathie zu entwickeln und zu stärken - für mich eine der Grundlagen für ein funktionierendes demokratisches Miteinander. Emotionen können und sollen nicht aus Bildung ausgeklammert werden. Im Gegenteil: Nachhaltiges Lernen kann besonders gut funktionieren, wenn Bildungsarbeit sich dieser Emotionen bewusst ist und mit ihnen arbeitet.
Einige Projekte, die im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben!" von meinem Ministerium derzeit gefördert werden, tun das bereits.
Wenn in Klassenzimmern nach dem 7. Oktober 2023 Sprachlosigkeit herrschte, wenn notwendigen Gesprächen ausgewichen wurde - dann wurde der vierte wichtige Bestandteil von Bildungsarbeit gegen Antisemitismus ignoriert: Die Förderung von Konfliktfähigkeit.
Pädagogische Fachkräfte müssen antisemitische Äußerungen erkennen und adressieren, sie dabei weder bagatellisieren noch dramatisieren. Sie müssen Grenzen setzen und dennoch die Möglichkeit zum Gespräch offenhalten.
Dafür braucht es klare Voraussetzungen: Eine gute Lehrkräfteausbildung an den Universitäten, qualitativ hochwertige Fortbildungen mit festen Qualitätsstandards, multiprofessionelle Teams und klare institutionelle Leitlinien.
Und fünftens - der derzeit vielleicht wichtigste Bestandteil antisemitismuskritischer Bildungsarbeit: Medienkompetenz, vor allem: digitale Medienkompetenz.
Sie muss ein fester Bestandteil jeder Präventionsarbeit sein.Denn digitale Desinformation und die Verbreitung von ganz alten Verschwörungsmythen in neuer Verpackung sind ein zentraler Motor von Antisemitismus. Antisemitische Narrative verbreiten sich im Netz rasend schnell - über Memes, Bilder, Videos, Schlagworte. Und natürlich erreichen sie gerade auch Kinder und Jugendliche. Weil sie vereinfachen, emotionalisieren, ja, auch unterhalten. Die Logik der Plattformen - die Polarisierung belohnt und Empörung verstärkt - wirkt wie ein Brandbeschleuniger.
Und machen wir uns nichts vor: Desinformation ist weder Zufall noch dient sie allein den Plattformen, um mehr Reichweite und Interaktionen zu haben. Sie ist ein strategisches Werkzeug, mit dem bewusst Vertrauen untergraben wird - und das gesellschaftliche Gruppen gegeneinander ausspielt.
Wer Antisemitismus verstehen will, muss deshalb auch Desinformation in sozialen Räumen verstehen. Und wer Antisemitismus durch Bildungsarbeit entgegenwirken will, muss diese Mechanismen aufzeigen und die digitale Lesefähigkeit von jungen Menschen fördern: Wie funktionieren Narrative? Wie wirken Bilder? Wie lässt sich zwischen Kritik, Propaganda und Desinformation unterscheiden?
Hierfür braucht es gute Werkzeuge, für Schülerinnen und Schüler, für Fachkräfte und auch für Eltern. Sie müssen antisemitische Inhalte erkennen und kritisch einordnen können.
Ich freue mich, dass Sie an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg mit einem vom Bundesprogramm "Demokratie leben!" geförderten Projekt vorbildlich vorangehen: Sie schulen Medienkompetenz im Zeichen des Nahostkonflikts, machen antisemitische Stereotype in - in diesem Fall vor allem linken - Erklärungsmustern bewusst, wie sie an Schulen und Universitäten verbreitet sind. Ziel des Projekts ist es, jungen Menschen mit Affinität zu linksextremen Orientierungen demokratische Handlungsoptionen zu zeigen, sich mit linker Militanz kritisch auseinanderzusetzen und Konflikte gewaltfrei und demokratisch zu bearbeiten. So kann es gehen!
Und wir dürfen nicht vergessen: Wir können die Möglichkeiten des Digitalen auch selbst nutzen. Der Digitalpakt 2.0 bietet eine gute Gelegenheit, digitale Bildungsangebote an Schulen zu stärken und damit auch Antisemitismus präventiv entgegenzuwirken. Es gibt ja bereits beeindruckende digitale Projekte, die genutzt werden können, wie die virtuelle Führung durch die Auschwitz-Gedenkstätte.
Und gerade im ländlichen Raum, in dem ein direkter, realer Kontakt zu jüdischen Gemeinden oder der Besuch einer Gedenkstätte vielleicht nicht so leicht möglich sind, sind digitale Plattformen und Bildungsangebote eine tolle Lösung.
Auch mit virtuellen Begegnungen, Online-Seminaren und digitalen Exkursionen kann jüdisches Leben nähergebracht, Verständnis gefördert - und letztlich Antisemitismus vorgebeugt werden.
Sehr geehrte Damen und Herren,
vor uns liegen zentrale Entwicklungsaufgaben. Und sie sind nur umsetzbar, wenn alle an einem Strang ziehen: Bund, Länder, Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft und aus der jüdischen und nichtjüdischen Zivilgesellschaft. Ganz grundlegend ist es, verlässliche Strukturen zu schaffen: Dafür brauchen wir bundesweit verbindliche Standards für die antisemitismuskritische Bildungsarbeit.
Wir brauchen langfristige Programme, eine stabile Finanzierung und klare Verantwortlichkeiten.
Das Bundesbildungsministerium leistet hier seinen Beitrag: Zum Beispiel über den Kooperationsverbund gegen Antisemitismus, ebenso gefördert durch das Bundesprogramm "Demokratie leben!". Die Mitglieder des Verbunds entwickeln Qualitätsstandards und schulen Pädagoginnen und Pädagogen zu Bildungsarbeit mit dem Fokus auf Antisemitismus. Und wir fördern das Projekt "Kindgerechte Bildung gegen Antisemitismus", das Konzepte für die Arbeit schon mit Grundschulkindern entwickelt.
Ein Aspekt ist mir bei der Prävention von Antisemitismus besonders wichtig - auch bei der Arbeit meines Ministeriums, und damit komme ich zu einem letzten, mir sehr wichtigen Aspekt: Ich möchte, dass wir jüdisches Leben in Deutschland in all seiner Vielfalt sichtbar machen.
Besonders am Herzen liegt mir dabei die geplante Einrichtung des Yad Vashem Education Centre, die von meinem Ministerium begleitet wird. Die Förderung von zwei Millionen Euro ist in der Bereinigungssitzung des Deutschen Bundestags bestätigt worden.
Es wird seit einigen Jahren immer klarer, dass die Erinnerungskultur in Deutschland weiterentwickelt werden muss. Sie muss zu den jungen Menschen von heute passen, insbesondere zu der Altersgruppe zwischen sechs und dreißig Jahren, die aktuell die Schulen und Universitäten besuchen. Die Zeitzeugen, die eine wichtige Rolle in der Vermittlung spielen, sterben nach und nach.
Hier können Einrichtungen wie das Yad Vashem Education Centre eine Lücke füllen. Yad Vashem ist ja nicht nur eine Gedenkstätte, sondern auch eine Bildungs- und Forschungsstätte. In Deutschland arbeiten die Bundesländer seit vielen Jahren sehr eng mit Yad Vashem im Bereich der Holocaust-Erziehung und Weiterbildung von Lehrkräften zusammen.
Ein solches Bildungszentrum soll, das wünsche ich mir, eine Strahlkraft in ganz Deutschland haben, bis in die Nachbarländer hinein. Das soll durchaus ein europäischer Ort sein, der aber zugleich die besondere Symbolkraft hat, in Deutschland zu sein.
Dieses Projekt steht damit für mich sinnbildlich dafür, wie Antisemitismusprävention sein muss: Vielfältig, modern und multiprofessionell. Sie geht längst über den Auftrag an die Lehrkräfte hinaus. Wir brauchen Sozialpädagogen, Psychologen, politische Bildung, Historikern, eine gute Elternarbeit, lokale Expertise, digitale Angebote und spannende, greif- und begreifbare Angebote vor Ort.
Um der Sichtbarkeit und Vielfalt Rechnung zu tragen, habe ich in meinem Ministerium außerdem eine Stabsstelle für jüdisches Leben und den zivilgesellschaftlich-religiösen Dialog eingesetzt. Aber das ist nur ein Hebel unter vielen. Ich wünsche mir, dass wir uns alle für diese Sichtbarkeit einsetzen.
Wir erzählen in Deutschland die Geschichte von Jüdinnen und Juden oft allein über die Opfer der Shoah. Machen wir doch den jüdischen Widerstand sichtbarer, zum Beispiel die starken jüdischen Männer und Frauen, die in den Ghettos als Partisanen unter schwierigsten Bedingungen Widerstand geleistet haben - diese Vorbilder! So wie es zum Beispiel Prof. Andrea Löw, Leiterin vom Münchner Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte tut: Sie sagt zurecht - man nimmt den Menschen auch noch die Individualität uns die Würde, wenn wir sie nur "passive Opfer" darstellen.
Genauso können wir uns auch mehr damit befassen, welchen Beitrag jüdische Menschen zur deutschen Geschichte und Kultur geleistet haben. Von Rahel Varnhagen über Felix Mendelssohn Bartholdy und Heinrich Heine bis zu Bertha Pappenheim. Oder Albert Einstein und die anderen großen jüdischen Physiker.
Oder schauen wir, was jüdisches Leben ganz aktuell ausmacht: Wenn ich beispielsweise Veranstaltungen besuche wie die Jewrovision, den Musik- und Tanzwettbewerb jüdischer Jugendzentren in Deutschland, dann merke ich immer wieder: Das ist eine Welt, von der viele nicht einmal wissen, dass es sie überhaupt gibt. Aber sie zeigt: Ein vielfältiges, lebendiges jüdisches Leben, das gibt es in Deutschland. Das müssen junge nicht-jüdische Menschen noch stärker erfahren. Und ich wünsche mir auch, dass Lehrmaterialien die Bandbreite jüdischer Identität und Kultur besser widerspiegeln und aktuelle Perspektiven einbeziehen.
Meine Damen und Herren,
ich denke, ich habe deutlich gemacht: Der Umgang mit Antisemitismus zeigt, wie ernst es eine Gesellschaft mit Menschenrechten, mit Pluralismus und mit der Unteilbarkeit von Würde meint.
Antisemitismusprävention gehört unverzichtbar zur Demokratiebildung dazu. Sie stärkt das Bewusstsein, dass Menschenrechte nicht relativierbar sind, niemals, auch nicht unter dem Druck globaler Konflikte. Sie schließt Jüdinnen und Juden selbstverständlich und ohne jeden Zweifel in das "Wir" unserer Gesellschaft mit ein, lässt sie mit ihren Sorgen nicht allein.
Und einen Schlussstrich dafür gibt es niemals: Jede Generation muss sich aufs Neue, in Auseinandersetzung mit der eigenen Gegenwart und ihren Bedingungen, neue Formen des Erinnerns und Gedenkens erschließen.
Antisemitismusprävention bleibt ein ständiger, sich wandelnder Prozess. Und sie mag zwar im Klassenzimmer, Jugendtreff oder Sportverein beginnen. Aber sie funktioniert nur, wenn die klare Haltung gegen Vorurteile und für eine liberale, demokratische Gesellschaft von allen getragen wird: Der Politik, der Justiz, der Elternhäuser, jedes Einzelnen.
Damit ist die Erinnerungsrepublik Deutschland eben nicht am Ende. Sie ist nur im ständigen Wandel begriffen, und sie muss aktiv lebendig gehalten werden.
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich habe meinen Vortrag damit begonnen zu umschreiben, wie viel Grund zur Sorge wir gerade haben. Und das ist richtig. Aber wir haben auch Grund für Mut, und für Hoffnung.
Wir können nämlich unsere Geschichte auch anders erzählen: Junge Menschen in Deutschland können und dürfen stolz sein: dass aus den Trümmern - auch den moralischen - ein Land entstanden ist, das Verantwortung übernommen hat. Deutschland hat nach allem, was geschehen ist, eine enge Beziehung zu Israel aufgebaut. Wenn das kein Zeichen der Hoffnung ist.
Viele Jüdinnen und Juden haben sich von Deutschland abgewandt.
Aber andere haben die Hand ausgestreckt - und gemeinsam ist es uns gelungen, dieses schwierige Verhältnis zu gestalten.
Wir dürfen auch stolz darauf sein, dass Deutschland unter anderem mit den Auschwitz-Prozessen den Versuch unternommen hat, Verantwortung zu übernehmen. Bis heute werden Menschen für ihre Verbrechen in der NS-Zeit zur Rechenschaft gezogen.
Wir können die Geschichte so erzählen, dass sie zeigt, wie sehr Deutschland heute auf den Schutz von Minderheitenrechten achtet, und wie wir davon profitieren, in einem freien, demokratischen Land zu leben. Und wenn wir uns und junge Menschen daran erinnern, wenn wir das nicht vergessen - dann haben wir eine gute, starke Grundlage, um mit Vertrauen nach vorn zu blicken.
Vielen Dank.