Wirtschaftswoche (WiWo): Frau Prien, wären Sie in der heutigen Zeit gern noch mal jung?
Bundesbildungsministerin Karin Prien: In meiner Wahrnehmung hat sich im Vergleich zu meiner Jugend wenig an den beiden Polen geändert: Ich fand auch damals die Situation herausfordernd, trotzdem war ich eher zuversichtlich. Und ich finde, auch heute haben junge Menschen allen Grund, mit Zuversicht ihre Zukunft zu gestalten. Ich verkenne jedoch überhaupt nicht, dass es eine Menge Dinge gibt, die einen jungen Menschen gerade belasten können.
WiWo: Wer dieses Jahr volljährig wird, hat die Pandemie als Teenager erlebt und sieht jetzt, dass die älteren Geschwister schwer einen Job finden. Bald kommt noch der Brief, sich bitte bei der Bundeswehr zu melden. Kriege in Europa, das Erstarken autoritärer Systeme und Klimafragen verunsichern junge Menschen. Aber war das früher anders?
Karin Prien: Der Nato-Doppelbeschluss, die Aufrüstung, der "saure Regen" - all das hat meine Jugend geprägt. Auch uns hat man damals zu Beginn des Jurastudiums gesagt: Nur ein Drittel von euch wird Examen machen, und arbeitslos werdet ihr sowieso alle. Ich glaube, es ist heute vor allem die Frage: Wie kommen wir zwischen den Generationen neu ins Gespräch?
WiWo: Nehmen wir die jüngste Debatte um die Lifestyle-Teilzeit: Damit waren ja nicht nur berufstätige Eltern von Kindern gemeint, sondern 25-Jährige, die sich nicht so über ihre Arbeit definieren wie ihre älteren Kollegen.
Karin Prien: Ich halte nichts davon, Bürgerinnen und Bürger zu beschimpfen. Es ist doch legitim, dass sich junge Menschen heute mehr Gedanken darüber machen, wie man Familie und Beruf besser miteinander in Einklang bringen kann - übrigens auch und gerade junge Männer. Trotzdem müssen wir uns fragen: Warum arbeiten eigentlich so überdurchschnittlich viele Menschen in Deutschland in Teilzeit? Wir müssen darüber sprechen, welche Bedeutung Leistungs- und Anstrengungsbereitschaft in unserer Gesellschaft angesichts schwindender Wettbewerbsfähigkeit haben.
WiWo: Sind wir Deutschen zu faul?
Karin Prien: Klares Nein. Die Menschen haben sich eingerichtet in dem Rahmen, den die Politik geschaffen hat. Die letzten Jahrzehnte waren geprägt von stetig wachsendem Wohlstand. Und jetzt kommen wir in eine Situation, in der unsere Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft gefährdet sind. Deshalb müssen wir uns als Gesellschaft darüber verständigen, was notwendig ist, um unseren Wohlstand zu bewahren - da geht es auch um Fort- und Weiterbildung. Man muss aber auf die Tonalität achten. Provokante Überschriften schaden der Debatte.
WiWo: Bei manchen Parteifreunden von Ihnen klingt es eher so, als hätten es sich die Deutschen einfach zu bequem gemacht.
Karin Prien: Ich kann nachvollziehen, dass Menschen möglichst wenig Veränderung möchten. Das ist ein Stück weit eine deutsche Eigenschaft. Umso mehr müssen wir über die richtigen Weichenstellungen als Gesellschaft ins Gespräch kommen. Und dazu gehört auch die Frage, wie viel Teilzeitbeschäftigung wir uns in unserer demografischen Entwicklung auf Dauer leisten können. Es geht ja zum Beispiel auch um die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege. Also müssen wir über eine Reform der Pflegeversicherung sprechen. Die ist notwendig. Wenn wir die vielen Menschen - vor allem Frauen - nicht hätten, die ihre Verwandten pflegen, würde das System nicht mehr funktionieren. Man muss das immer im Kontext sehen.
WiWo: Wie ließe sich das Arbeitsvolumen denn tatsächlich erhöhen?
Karin Prien: Wir müssen Ältere ansprechen, die wir lange Zeit zu früh aus dem Erwerbsleben herausgedrängt haben. Wir müssen geordnete Zuwanderung in den Arbeitsmarkt vereinfachen. Und wir haben eine besondere Gruppe von etwa 2,9 Millionen ungelernten jüngeren Menschen - wir nennen sie "nicht formal Qualifizierte" -, die wir dringend dabei unterstützen müssen, dass sie sich qualifizieren und qualifizierte Beschäftigung finden. Als Ministerium schauen wir besonders auch auf die Frauen und untersuchen, warum viele nicht mehr Stunden arbeiten wollen oder können.
WiWo: Was sind die Gründe?
Karin Prien: Fehlende Betreuungszeiten in der Kita oder in der Grundschule, klar. Da bin ich nicht so pessimistisch. Denn auch wenn wir immer weniger Kinder auf die Welt bringen, ist es entscheidend, die finanziellen Ressourcen für die Kitas zu erhalten und diese Form der demografischen Rendite in bessere Qualität der Kinderbetreuung und frühen Bildung zu investieren. Wir schaffen gerade den Rechtsanspruch auf den Ganztag. Das ist mir ganz wichtig mit Blick auf Bildungsgerechtigkeit. Aber vor allem Frauen werden damit dann auch bei einem Schulkind ihre Nachmittage besser planen können. Die Studienlage sagt uns aber auch, dass viel an der Verteilung der Familien- und Sorgearbeit in der Partnerschaft und an den Unternehmen hängt.
WiWo: Inwiefern an den Unternehmen?
Karin Prien: Viele Frauen kämpfen, in Teilzeit im Job überhaupt ernst genommen zu werden. Oft sind wichtige Fragen im Unternehmen nicht geklärt: Welche Karriereoptionen bieten sich Frauen, die beispielsweise nur vier Tage in der Woche arbeiten? Wie flexibel können Mitarbeiterinnen in der Familienphase zwischen Teil- und Vollzeit wechseln?
WiWo: Befürchten Sie, dass flexible Arbeitsmodelle wegen der aktuellen Debatte stärker unter Druck geraten?
Karin Prien: Wir sehen leider weltweit einen Backlash in der Gesellschaftspolitik. Es wäre aber auch ökonomisch nicht klug, sich als Wirtschaft nicht auf die besondere Situation von Familien - und damit immer noch vorrangig von Frauen - einzustellen. Die Demografie lässt sich nicht betrügen. Deshalb rate ich auch sehr dazu, die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in Führungspositionen nicht aus dem Blick zu verlieren.
WiWo: Warum sprechen wir in der Standortdebatte über Steuersenkungen und Sozialreformen - aber so gut wie gar nicht über Bildungspolitik?
Karin Prien: Es ist jedenfalls ein Fehler. Einerseits hat der Sachverständigenrat festgestellt: Der wesentliche Faktor für mehr Potenzialwachstum ist Bildung - und zwar von der Kita bis zur Weiterbildung. Andererseits ist das bislang nicht Teil der intensiven wirtschaftspolitischen Debatte. Ich werbe dafür, auf allen staatlichen Ebenen gezielt mehr Geld ins Bildungssystem zu investieren. Betonung auf: gezielt.
WiWo: Und gezielt wäre wo?
Karin Prien: Insbesondere in der frühen Bildung, sozusagen präventiv - da ist die Rendite am höchsten. Bildung ist nicht nur ein ökonomischer Faktor. Das ist mir sehr wichtig. Bei Bildung geht es um die Entfaltung von Persönlichkeit und von individuellen Lebensbiografien. Dafür müssen die Familie und der Staat den Rahmen schaffen. Aber es geht dann eben auch um Wettbewerbsfähigkeit, um Innovationsfähigkeit und um Folgekosten, die entstehen, wenn Bildung fehlt: Einsamkeit und Integrationsdefizite zum Beispiel.
WiWo: Bessere Bildung erhöht die Produktivität, fördert den Erfindergeist und das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Dieser Zusammenhang lässt sich belegen. Trotzdem bleibt es für viele ein "Gedöns"-Thema.
Karin Prien: Bei einer reflexhaften Abwertung der Bedeutung von Bildung spielen sicherlich die geteilten Zuständigkeiten im föderalen Staat eine Rolle. Sobald wir auf Bundesebene sagen "Da müssen wir investieren" , kommt sofort die Frage auf: Wer bezahlt? Die Bund-Länder-Debatten der vergangenen Jahre waren von finanziellen Verteilungskämpfen geprägt. Ich will das ändern.
WiWo: Sie waren selbst Landesministerin in Schleswig-Holstein. Fühlen Sie sich da als Bundesministerin manchmal machtlos?
Karin Prien: Ich vermisse den ständigen Austausch mit den Schulen und Hochschulen. Und mir fehlt, dass man mal morgens ins Büro kommen kann und sagt: "So! Wir müssen dringend an dieser oder jener Stelle nachsteuern." Das kann ich jetzt nur noch auf der Metaebene. Ich maße mir nicht an, die Arbeit der Länder machen zu wollen. Aber ich weiß eben, wie auf Landesebene gearbeitet wird. Und ich glaube, dass daraus auch die Kraft entsteht, die ich in diesem Amt entfalten kann.
WiWo: Hamburg hat die Qualität des Unterrichts durch zwei Maßnahmen verbessert: verpflichtende Deutschtests und ein Vorschuljahr. Warum übernehmen das nicht einfach alle?
Karin Prien: Mit einem neuen Gesetz wollen wir einen bundesweiten Standard etablieren. Überall in Deutschland sollen Sprach- und Entwicklungsdiagnostik um das vierte Lebensjahr und verpflichtende Fördermaßnahmen bis zur Einschulung stattfinden.
WiWo: Welches Druckmittel haben Sie, dass die Länder das umsetzen?
Karin Prien: Gesetz ist Gesetz. Den Standard zu erfüllen, ist die Voraussetzung für finanzielle Unterstützung vom Bund. Wir haben uns alle auf eine empirisch gestützte Bildungspolitik verpflichtet. Und das ist eben neu: Die Länder können unterschiedliche Wege gehen, werden sich aber an den Erfolgen messen lassen müssen.