Interview mit Bundesjugendministerin Ursula von der Leyen

Welche Rolle Eltern bei der Mediennutzung spielen, warum Gesetze allein nicht helfen und wie Eltern im "Mediendschungel" den Überblick behalten, erklärt Ursula von der Leyen im SCHAU HIN! Gespräch. Außerdem berichtet die Mutter aus ihrem eigenen Familienalltag und nimmt Stellung zu ihrem Engagement als SCHAU HIN! Kuratorin.

Schau Hin: Als Ministerin sind Sie zeitlich sicher sehr stark eingebunden. Hinzu kommt, dass Sie sieben Kinder haben, die vielleicht täglich die verschiedensten Medien nutzen. Welche Medien haben und nutzen Ihre Kinder regelmäßig und sind Sie mit der Art und Weise ihres Umgangs mit den Medien vertraut und einverstanden?

Ursula von der Leyen: Die Kinder nutzen viele Medien, doch dies sehr kontrolliert. Fernsehen, ohne dass ein Erwachsener im Hause ist, gibt es bei uns nicht. Im Internet können unsere Kinder nur mit den Laptops von mir und meinem Mann surfen - und die haben wir tagsüber mit zur Arbeit. Da Schule heute ohne Internet fast undenkbar ist, recherchiert zwar schon unsere zehnjährige Tochter im Netz - das aber nur, wenn wir zu Hause sind und ein Auge drauf haben.

Schau Hin: Gibt es bei Ihnen in der Familie klare Regeln, an die sich Ihre Kinder halten und haben Sie vorgegeben, ab welchem Alter Ihre Kinder beispielsweise Fernsehen oder ins Kino dürfen?

Ursula von der Leyen: Ja, die gibt es. Die Jüngste, unsere fünfjährige Gracia, darf nur Walt Disney Zeichentrickfilme in englischer Sprache gucken und auch nur maximal einen Film am Tag. Unsere älteren Kinder gehen gern mal ins Kino.

Schau Hin: Gibt es Fernsehsendungen, Kinofilme oder auch Computerspiele, die Sie mit Ihren Kindern gemeinsam anschauen bzw. spielen?

Ursula von der Leyen: Wenn wir etwas zusammen spielen, dann nie am Computer. Natürlich gibt es auch besondere Tage, an denen wir alle gemeinsam vor dem Fernseher sitzen, weil etwa ein spannendes Fußballspiel übertragen wird. Dann wird jeder Spielzug heiß diskutiert und wenn es noch hell ist, gehen mein Mann und die Kinder hinterher noch auf den Bolzplatz.

Eltern spielen eine große Rolle

Schau Hin: Welche Erfahrungen aus Ihrer Kindheit im Umgang mit Medien haben Sie geprägt bzw. sind Ihnen bis heute in Erinnerung geblieben? Wie sind Ihre Eltern mit Ihren Vorlieben und mit Ihrer Mediennutzung umgegangen?

Ursula von der Leyen: Bei meinen Eltern im Hause gab es keinen Fernseher, bis ich 13 Jahre alt war. Danach waren meine Eltern sehr streng - wir hatten ein TV-Gerät, das in einem Schrank eingeschlossen war - der Schlüssel war irgendwie meistens unauffindbar...

Schau Hin: Kinder werden entscheidend durch ihre jeweilige Peergroup, durch Werbung, durch das, was allgemein "angesagt" ist und auch durch die Medien selbst beeinflusst, was und wie lange Fernsehen geschaut werden sollte, welche Computerspiele, CDs oder welches Mobiltelefon "man" besitzen muss. Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach die Eltern? Können sie noch Vorbild sein?

Ursula von der Leyen: Eltern spielen eine sehr wichtige Rolle. Kinder wollen selbstverständlich immer all das haben, was andere Kinder auch schon besitzen. Eltern müssen ihren Kindern Grenzen zeigen und sich vor allen Dingen selbst an die Spielregeln halten. Sie sollten auch erklären können, weshalb das viele Sitzen vor dem Fernseher nicht gut ist. Väter und Mütter sollten versuchen, ihren Kindern Alternativen zum Fernsehen anzubieten - das ist zwar sehr anstrengend, aber es lohnt sich.

Schau Hin: In der Öffentlichkeit wird immer wieder diskutiert, ob es nicht strengere Gesetze geben soll, um insbesondere Jugend gefährdende Internetseiten, Filme oder auch Computerspiele verbieten zu können. Sind Ihrer Meinung nach die bestehenden Gesetze ausreichend? Wie geht man politisch mit der Tatsache um, dass unsere Gesetze nicht verhindern können, dass eine Internetfirma, die zum Beispiel rassistische Inhalte verbreitet, aus einem anderen Land weiter agiert?

Ursula von der Leyen: Bevor wir neue Gesetze schaffen, sollten wir erst einmal die bestehenden Gesetze richtig ausnutzen. Dennoch: Kein noch so scharfer Paragraf verhindert den Missbrauch, wenn es im Elternhaus keine Medienkultur gibt. Wir sollten deshalb die Eltern und ihre Kinder noch mehr darüber aufklären, dass bestimmte Medien gefährlich sind und auch süchtig machen können.

Schau Hin: Sowohl als Ärztin als auch als ehemalige Landesministerin unter anderem für Gesundheit sind Ihnen die Folgen von unangemessener Mediennutzung sicher bekannt. Können Sie uns sagen, welche Konsequenzen aus medizinischer Sicht zu ziehen sind?

Ursula von der Leyen: Kinder sollen sich bewegen, raus aus der Bude an die frische Luft, weg von der Flimmerkiste. Denn Jungen und Mädchen, die viel vorm Fernseher sitzen, leiden oft an Konzentrations- und Lernschwäche, sind übergewichtig und motorisch unterentwickelt. Wir müssen den Kindern helfen, starke Kinder zu werden. Auch mal Nein sagen zu können und mit anderen Kindern zu kommunizieren, das ist für die Entwicklung wichtig.

Schau Hin: Eltern und Kinder sehen täglich überall Werbung für Software und technische Geräte. Was würden Sie Familien raten, die zum Beispiel zur CeBIT kommen und dem vielfältigen Angebot an Technik gegenüberstehen? Sehen Sie einen Weg durch den "Mediendschungel"?

Ursula von der Leyen: Ich würde den Eltern, die unsicher sind, ob ein unbekanntes Produkt gut für ihr Kind ist, empfehlen, sich gezielt bei Fachleuten zu informieren. Denn das Angebot riesig und jeden Tag kommen neue Geräte und Spiele auf den Markt. Auch sehr interessierte Väter und Mütter haben da Schwierigkeiten, sich alleine zurecht zu finden.

SCHAU HIN! baut eine Brücke

Schau Hin: Welche Motive haben Sie veranlasst, bei SCHAU HIN! als Kuratoriumsmitglied mitzuwirken?

Ursula von der Leyen: Medienverantwortung ist ein ganz wichtiges Thema, das leider in der Gesellschaft zu oft unterschätzt wird. Eltern und Kinder müssen mehr darüber erfahren, dass zuviel Fernsehen oder Computerspielen schädlich ist. Auf der anderen Seite können Medien sehr sinnvoll und pädagogisch eingesetzt werden. SCHAU HIN! baut eine Brücke, die hilft, den Spagat zu meistern. Ich will diese Brücke weiter stärken.

Das Interview ist auf schau-hin.info erschienen.