56 Empfehlungen für einen zeitgemäßen Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt

Wie können Kinder und Jugendliche sicher, gesund und selbstbestimmt in der digitalen Welt aufwachsen? Mit dieser Frage hat sich die Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ seit ihrer Einsetzung im September 2025 intensiv befasst. Heute haben die beiden Vorsitzenden den Abschlussbericht an Bundesfamilienministerin Karin Prien übergeben. Der Bericht bündelt die Ergebnisse eines umfassenden interdisziplinären Arbeits- und Beteiligungsprozesses und legt 56 evidenzbasierte Handlungsempfehlungen für einen zeitgemäßen Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt vor.

Die Empfehlungen stehen unter dem Leitmotiv „Entwicklung stärken, Verantwortung übernehmen“. Ausgangspunkt sind die Rechte von Kindern und Jugendlichen. Schutz, Befähigung und Teilhabe gehören für die Kommission zusammen. Der Kinder- und Jugendmedienschutz soll sich dabei stärker als bisher an den unterschiedlichen Lebens- und Entwicklungsphasen von Kindern und Jugendlichen orientieren und zugleich die Verantwortung der jeweils zuständigen Akteure in den Blick nehmen.


Bundesfamilienministerin Karin Prien: „Die Arbeit der Kommission endet heute, die Umsetzung ihrer Empfehlungen hat aber längst begonnen. Es gilt, an vielen Stellschrauben zu drehen und in Bewegung zu kommen: von der Kommune bis zur EU, von der Kita bis zur Jugendhilfe. Ich bin sehr optimistisch, dass wir schnell und konkret spürbare Verbesserungen erreichen können. Denn eine Erkenntnis hat sich bereits durchgesetzt: Beim Schutz von Kindern und Jugendlichen in der digitalen Welt tragen wir gemeinsam Verantwortung. Die 56 Empfehlungen der Expertenkommission geben uns eine wichtige Grundlage dafür, wie wir den Dreiklang von Schutz, Befähigung und Teilhabe junger Menschen in politisches Handeln übersetzen können. Jetzt sind alle gefragt, gemeinsam in die Umsetzung zu gehen und lernfähig zu bleiben, angesichts der vielen schnellen Veränderungen, die dieses Themenfeld mit sich bringt.“
 

Fünf Leitprinzipien stehen im Mittelpunkt: an bewährte Strukturen und Praxis anknüpfen, angemessene Gestaltungsspielräume vor Ort eröffnen, Verantwortung verbindlich und gemeinschaftlich organisieren, Reibungsverluste an Schnittstellen abbauen und technologische Entwicklungen kontinuierlich berücksichtigen.


Prof. Dr. Olaf Köller, Co-Vorsitzender der Expertenkommission: „Mit dem heute vorgelegten Abschlussbericht der Expertenkommission ist das Bild nun vollständig: Er umfasst die gesamte Bestandsaufnahme, die Handlungsempfehlungen und Einblicke in die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen, Expertenanhörungen und den Prozess zur strategischen Vorausschau. Die Expertenkommission hat in einem sehr umfassenden Prozess möglichst viele Perspektiven aufgenommen. Damit steht eine belastbare, evidenzbasierte Grundlage bereit, die Schutz, Befähigung und Teilhabe zusammendenkt. Auf die Umsetzung bin ich nun sehr gespannt.“


Nadine Schön, Co-Vorsitzende der Expertenkommission: Mit dem Abschlussbericht schließen wir unsere Arbeit heute ab – und mit dieser Konferenz endet das Mandat der Kommission. Damit geht der Auftrag zurück an Politik, Unternehmen und Gesellschaft. Unsere Ergebnisse zeigen klar: Verantwortung für den Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt ist nicht Sache einzelner Institutionen – und sollte schon gar nicht allein auf den Schultern von Kindern und Eltern lasten. Nur geteilte Verantwortung über den ganzen Lebenslauf von Kindern und Jugendlichen ermöglicht geschützte Teilhabe und ein gutes und gesundes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in der digitalen Welt. Nur wenn alle Akteure ihre Verantwortung wahrnehmen und nicht nur gegenseitig mit dem Finger aufeinander zeigen, ist Veränderung möglich. Wir haben im vergangenen Jahr unzählige Menschen erlebt, die genau daran arbeiten wollen. Dieses Momentum gilt es nun zu nutzen.“
 

Ein Jahr, viele Perspektiven

Für die Empfehlungen hat die Kommission unterschiedliche Perspektiven zusammengeführt. Neben der interdisziplinären Arbeit wurden sechs Expertenanhörungen mit Fachleuten verschiedener Disziplinen und Vertreterinnen und Vertretern der organisierten Zivilgesellschaft sowie jungen Menschen durchgeführt.

Eine besondere Rolle spielte die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen. In sieben bundesweiten Workshops diskutierten mehr als 100 junge Menschen ihre Erfahrungen, Erwartungen und Forderungen. Die Ergebnisse flossen in die Arbeit der Kommission und in ihre Empfehlungen ein.

Die Empfehlungen setzen entlang der gesamten Biografie an, von der frühen Kindheit bis zum Erwachsenwerden und zeigen: Familien brauchen frühe Beratung, Schulen verlässliche Konzepte, Jugendliche sichere Angebote sowie erreichbare Hilfen und Plattformen brauchen klare Pflichten. Sichere Voreinstellungen, altersgerechte Angebote und wirksame Meldestrukturen schaffen konkrete Entlastung für Kinder, Eltern und Fachkräfte.

Bei sozialen Medien und bei KI müssen Schutzstandards von Anfang an mitgedacht werden.


Kinder- und Jugendschutz entlang der Lebensphasen

Wie breit die Herausforderungen des digitalen Aufwachsens sind, zeigte die Abschlusskonferenz mit rund 250 Teilnehmenden aus Politik, Wissenschaft, Praxis und Zivilgesellschaft. Sie fand parallel zur Übergabe des Abschlussberichts an Bundesfamilienministerin Karin Prien in Berlin statt.

Die Diskussion reichte thematisch von der frühen Kindheit bis ins Erwachsenenalter: Im Mittelpunkt standen unter anderem Bildschirmnutzung und Medienbildung in der Kita, erste eigene digitale Geräte und Cybermobbing, aber auch Altersgrenzen, Cybergrooming, Empfehlungsalgorithmen und Dark Patterns. Für Jugendliche ging es unter anderem um Verhaltenssüchte, sexualisierte Gewalt und Erpressung sowie niedrigschwellige Anzeige- und Hilfswege.

Ein eigenes Jugendpanel gab Jugendlichen Gelegenheit, die Ergebnisse zu kommentieren und ihre Erwartungen an Politik und Gesellschaft zu formulieren. Auch der Übergang ins Erwachsenenalter wurde in den Blick genommen: Eltern- und Fachkräftefortbildung, junge Erwachsene als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sowie die Stärkung der Erwachsenenbildung im Umgang mit Desinformation. 


Eigene Fassung der Empfehlungen für Kinder und Jugendliche

Zum Abschluss der Veranstaltung wurde eine kindgerechte Fassung der Handlungsempfehlungen veröffentlicht. Sie macht die Ergebnisse auch für Kinder und Jugendliche selbst zugänglich. Darüber hinaus wird eine ausführliche Langfassung der Empfehlungen veröffentlicht. 


Hintergrund:

Die Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ wurde im September 2025 von Bundesfamilienministerin Karin Prien auf Grundlage des Koalitionsvertrags eingesetzt. Nach der Veröffentlichung einer Bestandsaufnahme im April 2026 legte sie am 24. Juni 2026 ihre Handlungsempfehlungen vor. Mit der heutigen Übergabe des Abschlussberichts ist die Arbeit der Kommission abgeschlossen.

In ihrer Bestandsaufnahme analysierte die Kommission zentrale Aspekte des Kinder- und Jugendschutzes in der digitalen Welt – von digitalen Lebenswelten und Gefährdungslagen über Teilhabepotenziale neuer Technologien und bestehende Strukturen der Medienbildung und Prävention bis hin zum rechtlichen Rahmen und seiner praktischen Durchsetzung.

Die Kommission untersuchte vier zentrale Themenfelder: Sicherheit im digitalen Raum, gesundheitliche und psychische Auswirkungen der Mediennutzung, Herausforderungen durch Künstliche Intelligenz sowie die Stärkung der Medienkompetenz von Kindern, Jugendlichen, Eltern und Fachkräften. Auf dieser Grundlage sowie unter Einbeziehung der Perspektiven von Kindern und Jugendlichen, der Ergebnisse der Expertenanhörungen, der Beobachterinnen und Beobachter aus Bund und Ländern und des Prozesses der strategischen Vorausschau entstanden die 56 Handlungsempfehlungen.

Weitere Informationen finden Sie unter:

https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/themen/kinder-und-jugend/expertenkommission-kinder-und-jugendschutz-in-der-digitalen-welt