Internationaler Bildungsvergleich

OECD-Bericht zeigt Stärken und Schwächen des deutschen Bildungssystems

Ein Lehrer erklärt etwas vor einer Gruppe Erwachsener in einem Klassenraum.
Deutschland zeigt sich beim OECD-Bericht "Bildung auf einen Blick 2026" stark in der beruflichen Bildung und in MINT-Fächern © iStock / Drazen Zigic

Am 29. September veröffentlichte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ihre jährlich erscheinende Studie "Education at a Glance - Bildung auf einen Blick 2026".

Die deutschen Ergebnisse: Eine Stärke des deutschen Bildungssystems blieb die berufliche Bildung. Diese bot im internationalen Vergleich besonders gute Beschäftigungsperspektiven. Bei den Erwachsenen im erwerbstätigen Alter verfügte Deutschland außerdem über eine im internationalen Vergleich insgesamt gut qualifizierte Erwerbsbevölkerung. Bei der nachrückenden Generation zeigte sich zudem ein steigender Anteil junger Erwachsener mit höheren Bildungsabschlüssen im sogenannten Tertiärbereich - also mit einem Hochschulabschluss oder einem höherqualifizierenden beruflichen Abschluss, zum Beispiel einem Meister. In den MINT-Fächern gehörte Deutschland bei den Absolventinnen und Absolventen im Tertiärbereich sogar zur Spitze im OECD-Vergleich. Bei der frühen Bildung stieg die Bildungsbeteiligung in Deutschland ebenfalls, das heißt zum Beispiel, immer mehr Kinder besuchten eine Kindertagesstätte.

Zugleich sank der Anteil junger Erwachsener mit einer mittleren Qualifikation als höchstem Bildungsabschluss - dazu zählen zum Beispiel das Abitur, die Fachhochschulreife oder ein Abschluss der dualen Ausbildung. Gleichzeitig stieg der Anteil Geringqualifizierter in dieser Altersgruppe. Der Anteil der jungen Erwachsenen, die weder beschäftigt, noch in Bildung oder Ausbildung waren, nahm ebenfalls geringfügig zu. Lehrkräftemangel, in diesem Jahr Schwerpunktthema der Studie, zeigte sich in Deutschland insbesondere darin, dass auch Lehrkräfte zum Einsatz kamen, die noch nicht alle Qualifikationsanforderungen erfüllten.

Bundesbildungsministerin Karin Prien: "Bildung muss Top-Priorität in Deutschland werden - und zwar über die gesamte Bildungsbiographie hinweg. Das beginnt mit qualitativ hochwertiger, früher Bildung, die maßgeblich zum Bildungserfolg auf dem weiteren Lebensweg beiträgt. Zwar zeigt der Bericht, dass frühe Bildung schon viele Kinder in Deutschland erreicht. Wichtig dabei ist aber, genau zu differenzieren und qualitative sowie regionale Unterschiede in den Blick zu nehmen. Gerade bei Kitas in herausfordernden Lagen ist das besonders relevant für mehr Bildungsgerechtigkeit in Deutschland. Mit dem Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz (SCQEG) setzen wir genau hier an und stärken die Qualität unserer Kitas mit 9,25 Milliarden Euro bis 2034.

Genauso wichtig ist, dass wir Bildungsübergänge nach der Schule nicht aus den Augen verlieren. "Bildung auf einen Blick" zeigt zum Beispiel, dass der Anteil der jungen Erwachsenen, die weder beschäftigt, noch in Bildung oder Ausbildung sind in Deutschland leicht zunimmt. Hier müssen wir besser verstehen, wie wir diese jungen Leute erreichen können. Eine verbesserte Datengrundlage ist dafür die Voraussetzung. So kommen wir vom Wissen zum Handeln und bringen Ressourcen gezielt dahin, wo sie benötigt werden.

Das zeigt sich auch bei den Daten zu Lehrkräften, bei denen wir ebenfalls erhöhten Monitoringbedarf haben. Es ist deshalb wichtig und richtig, dass "Bildung auf einen Blick" in diesem Jahr besonders auf die Lehrerkräfte im Land schaut. Bei der Qualifizierung von Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern ist besonders relevant, die Unterschiede in den Ländern nicht aus den Augen zu verlieren. Ich spreche mich daher dafür aus, dass wir mehr in eine verbesserte Datengrundlage im Bereich Bildung investieren: zum Beispiel mit einer Teilnahme Deutschlands bei weiteren Erhebungen wie bei TALIS für Lehrkräfte, beim sogenannten Baby-PISA für jüngere Kinder oder mit unserer Bildungsverlaufsstatistik.

Ganz allgemein gilt: Bund und Länder müssen auf gemeinsame Bildungsziele setzen. Um diese zu erreichen, braucht es eine gemeinsame Kraftanstrengung, bei der alle an den Stellschrauben drehen, die im eigenen Kompetenzspielraum liegen. Denn nur gemeinsam schaffen wir faire Bildungschancen für alle in Deutschland. Das ist der klare Auftrag, den die Ergebnisse von Bildung auf einen Blick und auch von PISA mitgeben."

Dr. Dorit Stenke, Bildungsministerin des Landes Schleswig-Holstein: "Der OECD-Bericht zeigt: Lehrkräftemangel betrifft viele Bildungssysteme. Wir müssen deshalb sehr genau wissen, wo der Bedarf besteht, in welchen Regionen, Schularten und Fächern. Die Länder haben zusätzliche Wege ins Lehramt eröffnet, darunter duale Studiengänge und Quereinstiegs-Master. Dabei gilt, dass auch neue Wege klare Qualitätsstandards brauchen. Wer als Lehrkraft Verantwortung für Kinder und Jugendliche übernimmt, braucht ein auch praxisorientiertes Studium, eine gute Begleitung beim Einstieg und verlässliche Fortbildung im Beruf. Für mich ist entscheidend, dass Lehrkräfte die Unterstützung bekommen, die sie für guten Unterricht brauchen: Lernstände erkennen, Stärken fördern und dort früh ansetzen, wo Schülerinnen und Schüler zusätzliche Unterstützung benötigen."

Die wichtigsten Ergebnisse für Deutschland im Detail

  • Deutschlands Bevölkerung im typischen Erwerbsalter verfügte insgesamt über ein hohes Bildungsniveau: 86 Prozent der 25- bis 64-Jährigen verfügten mindestens über einen Abschluss der Sekundarstufe II, also beispielsweise über eine berufliche Ausbildung oder die (Fach-)Hochschulreife. Damit lag Deutschland über dem OECD-Durchschnitt von 82 Prozent.
     
  • Junge Menschen erreichten zunehmend höhere Bildungsabschlüsse: 41 Prozent der 25- bis 34-Jährigen verfügten über einen Abschluss im Tertiärbereich, also über einen Hochschulabschluss oder einen höherqualifizierenden beruflichen Abschluss (wie zum Beispiel Meister, Erzieher, Geprüfter Berufsspezialist, Bachelor Professional oder Master Professional). Das waren 11 Prozentpunkte mehr als 2015. Der OECD-Durchschnitt lag bei 47 Prozent.
     
  • Deutschland war stark in MINT: 34 Prozent der Absolventinnen und Absolventen im Tertiärbereich mit in Deutschland erworbener Hochschulzugangsberechtigung schlossen ein MINT-Fach ab - der höchste Anteil im OECD-Vergleich. Bei internationalen Studierenden lag der Anteil sogar bei 51 Prozent, das war der zweithöchste Anteil unter den betrachteten OECD-Ländern.
     
  • Mittlere Qualifikationen gingen zurück: Der Anteil der 25- bis 34-Jährigen mit einem allgemeinbildenden oder beruflichen Abschluss der Sekundarstufe II oder des postsekundaren, nicht-tertiären Bereichs als höchstem Bildungsabschluss war von 58 Prozent im Jahr 2015 auf 45 Prozent im Jahr 2025 gesunken. Zu diesem mittleren Qualifikationsbereich zählten insbesondere Abschlüsse einer dualen Ausbildung oder einer Berufsfachschule sowie die Fachhochschulreife oder das Abitur. Besonders deutlich war der Rückgang bei beruflichen Abschlüssen: Ihr Anteil als höchster Bildungsabschluss ging von 51 Prozent im Jahr 2015 auf 38 Prozent im Jahr 2025 zurück.
     
  • Dabei bot die berufliche Bildung sehr gute Beschäftigungsperspektiven: 89 Prozent der 25- bis 34-Jährigen mit einem beruflichen Abschluss im mittleren Qualifikationsbereich waren beschäftigt; ihre Erwerbslosenquote lag bei 3,4 Prozent. Die Beschäftigungs- beziehungsweise Erwerbslosenquoten waren damit etwas besser als für junge Erwachsene mit einem tertiären Abschluss (88 Prozent beziehungsweise 3,4 Prozent) und im internationalen Vergleich besonders günstig (83 Prozent beziehungsweise 6,8 Prozent). Höherqualifizierende berufliche Abschlüsse eröffneten zudem Wege für beruflichen Aufstieg.
     
  • Geringqualifizierung blieb eine Herausforderung: Knapp 14 Prozent der 25- bis 34-Jährigen verfügten über keinen Abschluss der Sekundarstufe II, also weder über eine berufliche Ausbildung noch über die (Fach-)Hochschulreife. Während der Anteil im OECD-Durchschnitt in den vergangenen zehn Jahren um fünf Prozentpunkte auf 12 Prozent zurückgegangen war, war er in Deutschland leicht gestiegen.
     
  • Übergänge in Ausbildung und Beschäftigung blieben im Blick: Elf Prozent der 18- bis 24-Jährigen waren 2025 weder beschäftigt noch in Bildung oder Ausbildung (sogenannten NEETs - Not in Employment, Education or Training). Der Anteil lag unter dem OECD-Durchschnitt von 13 Prozent, war in Deutschland seit 2015 aber um zwei Prozentpunkte gestiegen.
     
  • Frühe Bildung erreichte viele Kinder: 96 Prozent der drei- bis fünfjährigen Kinder besuchten 2024 eine frühkindliche Bildungseinrichtung; der OECD-Durchschnitt lag bei 90 Prozent. Auch bei den unter Dreijährigen war die Bildungsbeteiligung seit 2015 gestiegen. Zugleich hatte Deutschland das Personal deutlich ausgebaut: Zwischen 2015 und 2024 stieg die Zahl der betreuten Kinder im Alter von drei 3 Jahren bis zum Schuleintritt um 17 Prozent, die Zahl der pädagogischen Fachkräfte um 31 Prozent. Dadurch verbesserte sich der Betreuungsschlüssel auf 7,5 Kinder je pädagogischer Fachkraft gegenüber 9,4 im OECD-Durchschnitt.
     
  • Deutschland investierte überdurchschnittlich viel je Bildungsteilnehmendem, investierte jedoch weniger in den Primarbereich als der OECD-Durchschnitt: Die öffentlichen und privaten Ausgaben für Bildungseinrichtungen je Bildungsteilnehmendem vom Primar- bis zum Tertiärbereich lagen mit 16.430 US-Dollar über dem OECD-Durchschnitt von 14.861 US-Dollar. Gleichzeitig lag der Anteil der Bildungsausgaben am BIP mit 4,4 Prozent unter dem OECD-Durchschnitt von 4,7 Prozent. Die Ausgaben für Bildungseinrichtungen im Primarbereich lagen in Deutschland mit 13.163 US-Dollar ebenfalls unter dem OECD-Durchschnitt von 13.639 US-Dollar.

Hintergrund

"Education at a Glance - Bildung auf einen Blick" erscheint jährlich und ist die zentrale OECD-Publikation zum internationalen Vergleich von Bildungssystemen. Der Bericht vergleicht die Bildungssysteme der OECD- und weiterer Länder anhand zentraler Kennzahlen - von Bildungsabschlüssen bis hin zu Bildungsausgaben. Die Ausgabe 2026 legt einen besonderen Schwerpunkt auf das Thema "Lehrkräftemangel und die Attraktivität des Lehrerberufs".

Im Gegensatz zu anderen OECD-Veröffentlichungen wie zum Beispiel PISA ist "Bildung auf einen Blick" keine gesonderte Erhebung oder Schulleistungsstudie. Parallel zur Veröffentlichung erscheint der Tabellenband "Internationale Bildungsindikatoren im Ländervergleich" der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder. Er stellt ausgewählte OECD-Bildungsindikatoren für Deutschland und die einzelnen Bundesländer dar.